Montys Geschichte — Teil 02
Was nach dem Stich kam.
Ein Jahr in Blutwerten.
Der erste Teil dieser Geschichte endete mit einer Diagnose. Dieser Teil beginnt dort — und erklärt, was ein Zeckenstich medizinisch in Gang setzte: eine Kette von einer Infektion über eine Autoimmunreaktion bis zu einer Therapie, die selbst zur Aufgabe wurde. Und er erzählt, wie es Monty heute geht.
Von Pia von Ramin · Lesedauer ca. 8 Min.
Monty heute — ein Jahr nach dem Stich
Es gibt Krankheiten, die kündigen sich an. Diese nicht. Zwischen dem Stich und dem Moment, in dem klar wurde, wie ernst die Lage war, lagen Wochen, in denen äußerlich nichts geschah.
Was dann folgte, war ein Jahr aus Blutbildern, Medikamenten und dem langsamen Zurückfinden. Wir erzählen es hier so genau, wie wir es selbst gern irgendwo gelesen hätten.
Kapitel 01 — Die Ursache
Der Erreger hat einen Namen
Rickettsien. So heißt der Erreger, den die Zecke in Montys Blut hinterließ — eine Gruppe von Bakterien, die über den Speichel beim Blutsaugen übertragen wird. Ein Antikörpertest bestätigte Ende Mai die Infektion mit einem Erreger der Zeckenbissfieber-Gruppe.
Das Besondere an Rickettsien ist ihr Versteck: Sie leben nicht frei im Blut, sondern dringen in die Zellen ein, die unsere Blutgefäße von innen auskleiden — das sogenannte Endothel. Dort vermehren sie sich, und dort richten sie auch den ersten Schaden an, indem sie die feinen Gefäßwände reizen und durchlässiger machen. Ein Antibiotikum erreicht diese Zellen und kann den Erreger bekämpfen. Doch da war die eigentliche Weiche schon gestellt: Das Immunsystem hatte begonnen, sich gegen den eigenen Körper zu richten.
Abbildung 01 — Wie der Erreger in die Gefäßwand gelangt
1 Die Zecke saugt Blut. Unter der Haut verläuft ein kleines Blutgefäß, seine Innenwand ist unversehrt.
2 Mit dem Speichel gelangen Rickettsien ins Gewebe. Einige von ihnen erreichen die Wand des Blutgefäßes.
3 Der Erreger dringt in eine Zelle der Gefäßinnenwand ein und vermehrt sich dort — im Zellinneren ist er vor dem Immunsystem des Blutes geschützt.
Warum der Körper sich selbst angreift
Eine Autoimmunerkrankung klingt zunächst widersinnig: Warum sollte ein Immunsystem den eigenen Körper bekämpfen? Bei Monty lässt sich der wahrscheinlichste Weg gut nachvollziehen. Fachleute nennen ihn molekulare Mimikry.
Das Immunsystem lernt, den Erreger an bestimmten Oberflächenstrukturen zu erkennen, und bildet passgenaue Antikörper gegen ihn. Nun ähneln manche dieser Erregerstrukturen zufällig körpereigenen Merkmalen — in Montys Fall solchen auf der Oberfläche der Thrombozyten, der Blutplättchen. Die Antikörper passen dadurch auf beides: auf den Eindringling und auf die eigenen Plättchen.
Von da an werden die markierten Blutplättchen von der Milz als fremd erkannt und abgebaut. Mediziner sprechen von einer immunvermittelten Thrombozytopenie — Thrombozytopenie bedeutet Mangel an Blutplättchen. Das Tückische daran: Der Erreger kann längst besiegt sein, während die einmal erlernte Fehlprägung bestehen bleibt. Der Auslöser ist verschwunden, die Reaktion läuft weiter.
Abbildung 02 — Molekulare Mimikry, die Verwechslung
1 Die Rickettsien haben sich in den Zellen der Gefäßinnenwand eingenistet. Die Blutplättchen sind unversehrt.
2 Das Immunsystem bildet Antikörper gegen den Erreger. Weil ein körpereigenes Merkmal auf den Blutplättchen der Erregerstruktur stark ähnelt, passt derselbe Antikörper auf beides — und markiert die eigenen Plättchen mit.
3 In der Milz werden die markierten Blutplättchen als fremd erkannt und abgebaut. Auch dann noch, wenn der Erreger längst besiegt ist.
Kapitel 02 — Die Folgen
Wenn die Blutplättchen fehlen
Thrombozyten sind die Zellen, die eine Wunde verschließen. Bei einem gesunden Hund liegen sie zwischen etwa 150 und 480 G/l (Milliarden pro Liter). Bei Monty fielen sie in der akuten Phase auf einen einstelligen Wert — praktisch kein wirksamer Schutz mehr gegen Blutungen.
Das erste sichtbare Zeichen waren Petechien: stecknadelkopfgroße Einblutungen unter der Haut, an Montys fast unbehaartem Bauch besonders gut zu erkennen, dazu größere flächige Blutergüsse. Bei so niedrigen Werten kann schon eine kleine Verletzung innerlich weiterbluten. Genau das macht die Erkrankung ernst — und behandlungsbedürftig.


Die Einblutungen unter der Haut — das erste sichtbare Zeichen
"Der Erreger kann längst besiegt sein, während die einmal erlernte Fehlreaktion bestehen bleibt."
Kapitel 03 — Die Behandlung
Die Therapie, die selbst zur Aufgabe wurde
Die Behandlung lief auf zwei Ebenen. Gegen den Erreger ein Antibiotikum, Doxycyclin, über mehrere Wochen, ergänzt um Injektionen mit Imidocarb. Gegen die fehlgeleitete Immunreaktion Prednisolon — ein Cortison-Präparat, das das Immunsystem dämpft und so den Abbau der Blutplättchen stoppt.
Es wirkte. Die Thrombozyten erholten sich. Doch beim ersten Versuch, das Prednisolon zu reduzieren, brachen sie erneut ein. Das ist die Tücke einer immunvermittelten Thrombozytopenie: Das Medikament, das die Reaktion unterdrückt, lässt sich nicht einfach absetzen, solange das Immunsystem seinen Fehler nicht verlernt hat.


Blutabnahme, Kontrolle, Verband — der Takt eines ganzen Jahres
Was Cortison im Körper bewirkt
Cortison ist ein wirksames Medikament — und eines mit Preis. Über Monate in wirksamer Dosis, bei Monty rund 1,2 Milligramm pro Kilogramm täglich, verändert es den Stoffwechsel spürbar. Typisch sind eine Stammfettsucht, bei der vor allem der Rumpf zunimmt, Fellverlust, ein gesteigerter Hunger und eine gewisse Trägheit. Diese Nebenwirkungen sind bekannt und gehören zur Abwägung jeder Langzeittherapie dazu.
Monty ist ein Windspiel, von Natur aus schlank und leicht. In dieser Phase wog er 9,2 Kilogramm — für seinen zierlichen Körperbau deutlich zu viel. An diesem Punkt wurde das Gewicht selbst zu einem Thema, das seine Beweglichkeit und sein Wohlbefinden beeinflusste.
Die stillen Nebenschauplätze
Eine solche Erkrankung spielt sich nicht nur an einer Stelle ab. Die anhaltende Entzündung störte auch den Eisenhaushalt — Mediziner sprechen von einem funktionellen Eisenmangel: Eisen ist im Körper vorhanden, wird aber unter dem Entzündungsdruck schlechter für die Blutbildung freigegeben. Ablesbar war das am Hämoglobingehalt seiner jungen roten Blutkörperchen, der zeitweise unter dem Normbereich lag. Mit der Erholung normalisierten sich diese Werte wieder — ein Nebenschauplatz von mehreren, der zeigt, wie weit die Folgen eines Zeckenstichs reichen können.
Die Suche nach dem Ausweg
Weil die Nebenwirkungen zunahmen, holten wir eine internistische Zweitmeinung ein. Zwei Wege standen zur Wahl: das Prednisolon sehr langsam reduzieren, in Schritten von etwa 25 Prozent alle vier Wochen — oder zusätzlich ein steroidsparendes Immunmedikament wie Ciclosporin einsetzen, das die Immunreaktion auf anderem Weg dämpft und ein rascheres Absenken des Cortisons erlaubt.
Die Entscheidung fiel auf den langsamen Weg, mit dem zweiten Medikament als Reserve, falls die Werte unter der Reduktion wieder abfallen sollten. Bei jeder Kontrolle wurden die Thrombozyten überprüft — sie blieben stabil.
Kapitel 04 — Der Weg zurück
Was geholfen hat
In den Unterlagen steht ein Satz, der hängen bleibt: Es gehe ihm besser, seit er abgenommen habe.
Das Gewicht war keine Nebensache. Jedes Kilo weniger gab Monty ein Stück Beweglichkeit und Leichtigkeit zurück. Aus dieser Erfahrung ist bei uns viel entstanden — die Überzeugung, dass Ernährung bei einem chronisch kranken Hund kein Beiwerk ist, sondern Teil der Behandlung.
Kapitel 05 — Heute
Wo Monty heute steht
Inzwischen ist das Cortison fast vollständig ausgeschlichen, und die Thrombozyten halten sich im normalen Bereich. Das ist der eigentliche Wendepunkt dieser Geschichte. Denn wenn die Werte auch ohne Medikament stabil bleiben, bedeutet das: Das Immunsystem hat seine Fehlreaktion verlernt. Es markiert die eigenen Blutplättchen nicht mehr als Feind.
Sollte das dauerhaft gelingen, darf man durchaus von einer Heilung sprechen — mit einer ehrlichen Einschränkung. Eine Garantie gibt es nicht. Ein neuer Auslöser, ein Infekt, eine weitere Zecke, könnte das einmal erlernte Muster theoretisch wieder wecken. Diese Möglichkeit eines Rückschlags bleibt ein Leben lang bestehen. Damit umzugehen heißt nicht, in Sorge zu leben, sondern aufmerksam.
Abbildung 03 — Der Verlauf der Blutplättchen
Vereinfachte Darstellung nach den Laborverläufen
Was bleibt
Was wir aus diesem Jahr mitnehmen: Ein Zeckenstich ist keine Kleinigkeit. Die entscheidenden Wochen kommen oft erst danach. Und: Eine solche Diagnose ist nicht das Ende eines guten Lebens. Sie ist, für eine Weile, eine andere Form, für einen Hund zu sorgen — mit dem realistischen Ziel, dass daraus wieder ein ganz gewöhnliches Hundeleben wird.
Worauf du nach einem Zeckenstich achten solltest
- Punktförmige rote Einblutungen unter der Haut, vor allem am Bauch
- Blaue Flecken ohne erkennbaren Anlass
- Blutungen aus Nase oder Zahnfleisch
- Ungewöhnliche Müdigkeit oder Schwäche
- Fieber, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust
- Lahmheit oder steifer Gang
- Die Wochen nach dem Stich sind entscheidend — nicht der Tag danach
"Eine solche Diagnose ist nicht das Ende eines guten Lebens. Sie ist, für eine Weile, eine andere Form zu sorgen."
Wie man Zecken richtig entfernt und welcher Schutz zu deinem Hund passt, bespricht man am besten mit der Tierarztpraxis. Der erste Teil von Montys Geschichte erzählt, wie alles begann: Ein Stich. Ein Leben lang.
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Pia von Ramin ist Gründerin von 4legs.de und lebt in Hamburg. Sie reist regelmäßig mit ihren Hunden durch Europa — und kennt die Tücken jedes Transportwegs aus eigener Erfahrung. |



